4.2.3 Schädigungen des ZNS

Diese können entweder

Neben den schweren Störungen, die in Form von Zerebralparesen, Epilepsien oder massiven Intelligenzschäden auftreten, sind auch leichtere Beeinträchtigungen in Form sog. minimaler cerebraler Dysfunktionen (MCD)2 denkbar.

Hirngeschädigte Kinder erreichen im Durchschnitt geringere Intelligenztestwerte als hirngesunde bzw. in Abhängigkeit von der Intelligenzbeeinträchtigung nimmt der Prozentanteil hirngeschädigter Kinder zu (Reed et al., 1965). Allerdings sind auch Fälle bekannt, in denen zweifelsfrei geschädigte Kinder überdurchschnittliche Intelligenzleistungen erzielen (Reitan, 1974).

Als weitere Folgen dieser Störungen können Beeinträchtigungen in bezug auf motorische, visuo-motorische und taktile Leistungen auftreten, aber auch Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten sowie Rechenstörungen können vorliegen. Die Visuomotorik ist wiederum für die Unterscheidung in verhaltensauffällige und verhaltensunauffällige Kinder (5. Lebensjahr) prädiktiv (Esser & Schmidt, 1987).

Z.B. ist die Gesamtfehlersumme in dem Visuomotorischen Schulreifetest (VSRT) negativ mit dem Gesamtrohwert im Körperkoordinationstest (KKT) korreliert (-.27), der Gesamtwert im VSRT korreliert positiv mit dem Elternurteil bezüglich Geschicklichkeit (.38); schließlich sind auch bedeutsame Zusammenhänge mit Noten in den Fächern Lesen (.34), Rechtschreiben (.45) und Mathematik (.51) gegeben; ebenso lassen sich Zusammenhänge zwischen dem VSRT und der Symptomhäufigkeit von Verhaltensstörungen finden (Esser & Stöhr, 1990, S. 30f).

Diese Befunde haben zu einer Umkehrung der Argumentation geführt: Immer dann, wenn sich Störungen der genannten Art nachweisen lassen (z.B. durch Minderleistungen in motorischen Tests oder grapho-motorischen Verfahren belegt, durch Sprachauffälligkeiten oder allgemeine Lernschwierigkeiten), wurde die Verdachtsdiagnose auf Hirnschädigung gestellt3. Dies ist aber nicht zwingend, d.h. es ist in der Regel nicht korrekt, hinter einem Lernproblem bzw. spezifischen Minderleistungen eine MCD als Ursache zu sehen (Havers, 1981, S. 133), wobei dann auch noch auf die angebliche Hilflosigkeit der Pädagogen verwiesen wird, welche die Ursache nicht direkt beseitigen können. Hingegen sind sehr wohl Übungsprogramme denkbar, mit denen auch geschädigte Kinder gefördert werden können.

Lemp (1970) meint hingegen, die Diagnose "leichte Hirnschädigung" könne eine Entlastungsfunktion erfüllen und das betroffene Kind vor Überforderung und neurotischer Fehlentwicklung schützen. Und unter Umständen könnte eine Diagnose MCD genutzt werden, um negative Einstellungen der Eltern ("der will nicht", "das Kind ist boshaft") abzubauen (Sander, 1981, S. 19).

2) Die Terminologie ist uneinheitlich (Havers, 1981, S. 128): So wird z.T. von „Funktionsstörungen" oder „Dys-funktionen" des Gehirns gesprochen, vom „hirnorganisch psychischen Achsensyndrom" oder vom „frühkindlich-exogenen Psychosyndrom".

3) In der Regel lassen sich aufgrund von Testleistungen Personen, die als hirnorganisch geschädigt gelten, gut von solchen ohne Schädigung trennen. Bei Einbezug von Gruppen anderer Ätiologie ist diese Trennung aber nicht mehr gegeben; eine Differentialdiagnose ist also nicht möglich (Wegener, 1969, S. 510f).